BIOGRAFIE
Die produktiven Jahre
1955–1959
In diesen Jahren festigte Marlen Haushofer ihre literarische Arbeit. Mit Eine Handvoll Leben, Die Vergissmeinnichtquelle, Die Tapetentür und Wir töten Stella erschienen mehrere wichtige Werke. Zugleich waren diese Jahre von gesundheitlichen Belastungen, familiären Veränderungen und der erneuten Heirat mit Manfred Haushofer geprägt.
Gefangen von gesellschaftlichen Regeln
Ehe, Familie und die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen gehören zu den wiederkehrenden Themen in Marlen Haushofers Werk. Besonders deutlich treten dabei Konflikte zwischen individueller Selbstbestimmung und den traditionellen Rollen von Ehefrau und Mutter hervor. Erfahrungen aus ihrem eigenen Familienleben dürften in diese literarische Auseinandersetzung eingeflossen sein, ohne dass ihre Figuren unmittelbar mit Haushofer selbst oder Personen aus ihrem Umfeld gleichgesetzt werden können.
In der Novelle Wir töten Stella erscheint die Ehe als ein Verhältnis, in dem äussere Ordnung und gesellschaftliche Konventionen eine zentrale Rolle spielen. Der Ehemann der Erzählerin unterhält Beziehungen zu anderen Frauen, legt zugleich aber grossen Wert auf die Wahrung des familiären Scheins. Die Erzählerin beschreibt diesen Widerspruch mit den Worten: „Als innerlicher Anarchist, schätzt er nach aussen hin die Ordnung und Genauigkeit. Keiner hütet die Moral strenger als der heimliche Gesetzesbrecher.“
Sie empfindet auch seine Zuneigung weniger als Beziehung zwischen zwei eigenständigen Menschen denn als Besitzanspruch: „Eine beliebige Person an meiner Stelle hätte er ebenso geliebt, und auf diese Weise liebt er seine Kinder, sein Haus, kurz alles, was zu seiner Person gehört. (…) Keine seiner Geliebten wird ihn je dazu bringen, seine Familie, das heisst seinen Besitz, aufzugeben, und wenn es mir eines Tages einfallen sollte, ihn zu verlassen, wird er hartnäckig und rachsüchtig mein Leben zerstören.“(1)
Die Spannungen in Haushofers privatem Leben spiegeln sich möglicherweise auch in einzelnen Figuren und Beziehungskonstellationen ihres literarischen Werks. Daniela Strigl weist in diesem Zusammenhang auf zwei Figuren namens Luise hin: auf Stellas Mutter in Wir töten Stella und auf die Cousine der Erzählerin in Die Wand. Sie bringt beide Figuren mit Haushofers schwieriger Beziehung zu ihrer Freundin Inge in Verbindung. Eine unmittelbare Gleichsetzung der literarischen Figuren mit realen Personen lässt sich daraus jedoch nicht ableiten.
Auch Haushofers Verhältnis zu ihrer eigenen Lebenssituation war widersprüchlich. Obwohl sie mit ihrer familiären und persönlichen Abhängigkeit haderte, gelang es ihr über Jahre nicht, sich dauerhaft daraus zu lösen. Dieses Spannungsverhältnis zwischen dem Wunsch nach Unabhängigkeit und der Bindung an die bestehende Lebensordnung wurde zu einem wiederkehrenden Thema ihres Schreibens.(2) (3)
Eine Erklärung für dieses Spannungsverhältnis suchte später auch Erika Danneberg, eine enge Freundin Haushofers und ausgebildete Psychoanalytikerin. Ihrer Einschätzung nach habe Haushofer „nie wirklich weggehen können“. Aus diesem tiefen Verhaftetsein rühre, so Danneberg, ein „tiefer, kindlicher Hass der Abhängigkeit“, der die Männer schliesslich nur noch als „Verbrecher“ erscheinen lasse.(4)
Das Gefühl, sich in den Anforderungen von Ehe, Familie und Mutterschaft selbst zu verlieren, findet sich wiederholt in Haushofers literarischem Werk. In der Erzählung Der Sonntagsspazierung erkennt die Protagonistin mit Schrecken, wie sehr sie sich verändert hat. Dabei erscheint dieser Verlust der eigenen Identität nicht nur als individuelles, sondern als über Generationen weitergegebenes weibliches Schicksal: „(…) mit einem kleinen, schwachen Schreck, merkt sie, wie sehr sie sich verändert hat. Ich könnte genausogut meine Mutter oder meine Grossmutter sein, denkt sie, aber auch diese waren nicht mehr sie selbst. Sie nicht und die lange Reihe von Müttern nicht, die vor ihnen gelebt haben. Ich möchte wissen, wo ich hingekommen bin!“(5)
Haushofers Verhältnis zur Frauenbewegung und zum Feminismus lässt sich nicht einfach auf eine eindeutige politische Haltung reduzieren. In ihrem literarischen Werk setzte sie sich intensiv mit weiblichen Lebensentwürfen, Abhängigkeiten und gesellschaftlichen Rollenerwartungen auseinander, trat selbst jedoch nicht als politische Aktivistin hervor. Oskar Jan Tauschinski, den Haushofer 1952 kennenlernte und der später ihren literarischen Nachlass betreute, beschrieb diese Haltung rückblickend in einem Brief: „Marlen liebte und bewunderte Simone de Beauvoir, las mit höchster Anerkennung Rosa Mayreder und fühlte sich den Vorkämpferinnen der Frauenbewegung schwesterlich verbunden, war aber selbst keine Kämpfernatur.“(6)
Daniela Strigl sieht auch einen Zusammenhang zwischen Haushofers Schreiben und ihren Depressionen. Das Schreiben könne für sie, so Strigl, eine Art „therapeutisches Ventil“ gewesen sein. Zugleich erhielten Konflikte zwischen Frauen und Männern in ihren literarischen Texten immer wieder eine besondere Schärfe.(6)
Veröffentlichung des ersten Romans
Im September 1955 erschien mit Eine Handvoll Leben Marlen Haushofers erster veröffentlichter Roman im Paul Zsolnay Verlag. Der Roman fand auch ausserhalb Österreichs Beachtung: Zeitungen in Deutschland und der Schweiz veröffentlichten Besprechungen, zudem beschäftigten sich in- und ausländische Rundfunkstationen mit dem Buch. Die Kritiken fielen überwiegend positiv aus.(7)
Im Familienalltag musste Haushofer sich die Zeit zum Schreiben immer wieder freihalten. In diesen Jahren schrieb sie häufig früh am Morgen, noch vor dem Frühstück. Haushalt und Familie bestimmten einen grossen Teil ihres Tages und liessen für die literarische Arbeit nur begrenzte Zeit.(8) Zum Familienleben gehörten auch zahlreiche gemeinsame Ausflüge und Reisen. Während Manfred spontane Unternehmungen liebte, teilte Marlen diese Begeisterung offenbar weniger. Der kleine Tigerkater Iwan, den Haushofer ihr „drittes Kind“ nannte, bot ihr einen willkommenen Vorwand, sich gemeinsamen Urlaubsreisen zu entziehen. Manfred unternahm solche Reisen dann mitunter allein mit den beiden Söhnen, beispielsweise für einige Tage zum Fischen.(9)
1955 zog die Familie erneut um, diesmal in die Pfarrgasse 8 in Steyr. Die neue Wohnung lag nur wenige Strassen von der bisherigen entfernt. Auch für die beiden Söhne begann eine Phase grösserer Selbständigkeit: Christian trat eine Lehrstelle als Textilkaufmann an, während der jüngere Manfred wegen schulischer Schwierigkeiten eine Privatschule in Bad Aussee besuchte.(10)
Mit der zunehmenden Selbständigkeit der Söhne entstanden für Haushofer allmählich grössere Freiräume. Sie besuchte häufig ihre Eltern, die seit der Pensionierung ihres Vaters 1953 ebenfalls in Steyr lebten, und traf sich mit Freundinnen in einer Konditorei. Zu ihrem Steyrer Freundeskreis gehörten auch die Schriftstellerinnen Dora Dunkl und Veronika Handlgruber. Dora Dunkl veranstaltete regelmässig literarische Lesungen, unter anderem im Hotel Minichmayr und in der Kapelle von Schloss Lamberg. Dabei trug sie neben eigenen Gedichten immer wieder auch Texte ihrer Freundin Marlen Haushofer vor. Haushofer selbst las in Steyr grundsätzlich nicht aus ihren Werken. Öffentliche Lesungen lagen ihr wenig; beim Vorlesen ihrer eigenen Texte trat sie zurückhaltend und unsicher auf.(11)
Die finanzielle Situation der Familie blieb trotz Manfred Haushofers Tätigkeit als Zahnarzt angespannt. In ihren Briefen berichtete Marlen Haushofer wiederholt vom „Sparenmüssen und Sicheinschränken“. So konnte das Ehepaar beispielsweise nicht an der Wiedereröffnung des Wiener Burgtheaters teilnehmen, weil weder ein Smoking noch ein grosses Abendkleid vorhanden waren. Finanzielle Sorgen finden sich auch in Haushofers literarischem Werk. In Die Mansarde fragt sich die Erzählerin: „Wir haben keine kostspieligen Gewohnheiten, wo also bleibt das Geld?“ Daniela Strigl führt die finanziellen Schwierigkeiten unter anderem auf Manfred Haushofers Umgang mit Geld zurück; bei seinen Autos, so Strigl, habe es beispielsweise stets das neueste Modell sein müssen.(12)
Vermutlich 1955 entstand die Novelle, die zunächst den Titel Wir morden Stella trug. In diesem Jahr nahm Haushofer an einem Novellen-Preisausschreiben des Bertelsmann Verlags teil und reichte dafür einen eigens verfassten Text ein. Nachdem dieser nicht prämiert worden war, wandte sie sich an den Paul Zsolnay Verlag, der sich eine Option auf ihre Arbeiten von mehr als 100 Seiten gesichert hatte. Die nur etwa 50 Seiten umfassende Novelle erschien dem Verlag jedoch für eine eigenständige Publikation zu schmal. Haushofer bat daraufhin Hans Weigel um Unterstützung bei der Vermittlung. 1958 erschien die Novelle schliesslich im Bergland Verlag unter dem leicht geänderten Titel Wir töten Stella.(13) Bereits 1956 hatte der Bergland Verlag Haushofers ersten Erzählungsband Die Vergissmeinnichtquelle veröffentlicht. Der Band erschien in der von Rudolf Felmayer betreuten Reihe Neue Dichtung aus Österreich. Für Die Vergissmeinnichtquelle wurde Haushofer mit dem Preis des Theodor-Körner-Stiftungsfonds ausgezeichnet.(14)
1957 veröffentlichte der Paul Zsolnay Verlag Haushofers zweiten Roman Die Tapetentür. Die meisten Pressestimmen nahmen das Buch positiv auf, einzelne Kritiker äusserten jedoch Vorbehalte und empfanden unter anderem die Tagebuchgedanken als banal. Daniela Strigl bezeichnet den Roman trotz der überzeugenden Psychologie seiner Figuren insgesamt als uneinheitlich. (15)
Die öffentliche Reaktion auf Wir töten Stella blieb zunächst überschaubar, was auch mit der Veröffentlichung in einem kleinen Verlag zusammenhing. Die Resonanz fiel jedoch überwiegend positiv aus. Besonders anerkennend äusserte sich Jeannie Ebner. Anfang 1959 bezeichnete sie die Novelle in einem Brief an Haushofer als „das reifste und geschlossenste Ding, das Du bisher gemacht hast“.(16)
Auch gesundheitliche Probleme begleiteten Haushofer in diesen Jahren. Bereits 1953 war ihre Tuberkulose erneut aktiv geworden und hatte einen mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt notwendig gemacht.(17) Ende der 1950er-Jahre kamen weitere gesundheitliche Beschwerden hinzu. Im Januar 1958 erlitt Haushofer in Wien einen Schwindelanfall und stürzte aus einer damals noch offenen Strassenbahn. Dabei zog sie sich Wirbelprellungen zu.(18)
Trotz ihrer zunehmenden Veröffentlichungen blieb Haushofers Stellung im österreichischen Literaturbetrieb ambivalent. Während einige ihrer Zeitgenossinnen und Zeitgenossen international stärker wahrgenommen wurden, führte Haushofer ihr literarisches Leben weiterhin weitgehend zwischen Steyr und Wien. Familienalltag, die Mitarbeit in der Zahnarztpraxis und das Schreiben bestanden nebeneinander. Öffentliche Auftritte lagen ihr wenig; bei Lesungen trat sie zurückhaltend auf und überliess das Vortragen ihrer Texte mitunter anderen.
Im Vergleich zu einer nahezu gleichaltrigen Autorin wie Ingeborg Bachmann verlief Haushofers literarische Laufbahn damit unter deutlich anderen Bedingungen. Ihre spätere Bedeutung lässt sich jedoch nicht aus der damaligen öffentlichen Wahrnehmung ableiten: Einige ihrer heute bekanntesten Werke waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht entstanden.
Im Februar 1958 heirateten Marlen und Manfred Haushofer ein zweites Mal. Die Beziehung zu Reinhard Federmann war zu diesem Zeitpunkt beendet. Weshalb sich Haushofer nach mehreren Jahren der Scheidung zu einer erneuten Heirat entschloss, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Gegenüber einer Freundin soll sie ihre Entscheidung mit einem knappen Hinweis auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in Steyr erklärt haben: „Du kannst in Steyr nicht geschieden sein.“ (19)
Auch Manfred Haushofers gesundheitliche und berufliche Situation belastete das Familienleben. Er litt an einer schweren Herzerkrankung; Marlen Haushofer berichtete in Briefen wiederholt, dass er kränkle, nervös und niedergeschlagen sei und sehr viel arbeite. Sein Verhältnis zum eigenen Beruf beschrieb sie ebenfalls als schwierig.(20)
1958 starb die Schriftstellerin Helene Lahr, mit der Haushofer eine enge Freundschaft verbunden hatte. Die 26 Jahre ältere Lahr war die Lebensgefährtin Oskar Jan Tauschinskis; bei ihren Aufenthalten in Wien hielt sich Haushofer häufig bei den beiden in der Neubaugasse auf. In langen Gesprächen hatte sich zwischen den beiden Frauen eine enge Beziehung entwickelt, die Daniela Strigl als „geistige Mutter-Tochter-Beziehung“ beschreibt.
Der Tod der Freundin traf Haushofer tief. In einem Brief an Tauschinski schrieb sie, sie träume noch immer von Lahr und habe das Bedürfnis, über sie zu sprechen. Mit ihrem Tod verlor auch Wien für Haushofer einen Teil seiner bisherigen Bedeutung.(21)
Quellhinweise
- (1) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 190 f.
- (2) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 190 f.
- (3) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 191 f.
- (4) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 191 f.
- (5) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 191 f.
- (6) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 193.
- (7) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 211.
- (8) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 245.
- (9) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 224.
- (10) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 223.
- (11) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 224 f.
- (12) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 222.
- (13) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 226.
- (14) Christa Gürtler (Hg.): „Ich möchte wissen, wo ich hingekommen bin“. Marlen Haushofer 1920–1970, S. 188.
- (15) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 233.
- (16) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 229.
- (17) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 201.
- (18) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 237.
- (19) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 234.
- (20) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 221.
- (21) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 235 f.