BIOGRAFIE

Die Jugendjahre

1920–1939

Marlen Haushofer wuchs als Maria Helene Frauendorfer im oberösterreichischen Effertsbachtal auf. Die freie Kindheit im Forsthaus, ihre Eltern und die enge Beziehung zur Natur prägten sie ebenso wie der spätere Wechsel in die Klosterschule der Ursulinen in Linz. Nach deren Schliessung 1938 setzte sie ihre Schulbildung in Linz fort und legte 1939 die Matura ab.

Jahre der Kindheit

Am 11. April 1920 um vier Uhr morgens wurde dem Försterehepaar Heinrich und Maria Frauendorfer in Frauenstein, Oberösterreich, eine Tochter geboren: Maria Helene.

Im Taufbuch der Pfarre Frauenstein 1911-1937, Tomus IV, Pagina 38 ist eingetragen:

Jahr: 1920
Monat, Tag und Stunde der Geburt: April 11ten, elften, vier Uhr früh
Monat, Tag und Stunde der Taufe: April 12, zwölften, 11 1/4 Uhr vorm.
Name und Charakter des Taufenden: Anton Haberkorn, Pfarrer (16)
Ortschaft (Gasse) und Hausnummer: Ramsau 23
Name des Täuflings / Katholisches Religionsbekenntnis / Geschlecht / Eigenschaft: ehelich, unehelich oder angeblich ehelich: Maria Helene, kathol., ehelich (1)

Der Name „Marlen“ entstand nicht, wie man vermuten könnte, aus einer Zusammenziehung der Taufnamen Maria und Helene. Nach Daniela Strigl geht er vielmehr auf Marlens Lieblingsmärchen Von dem Machandelboom der Brüder Grimm zurück. In der plattdeutschen Fassung des Märchens trägt die Tochter den Namen Marleenken. (2)

Die ersten zehn Jahre ihres Lebens verbrachte Marlen Frauendorfer im Effertsbachtal bei Frauenstein in Oberösterreich. Das abgelegene Tal am Fusse des Sengsengebirges liegt rund eine halbe Stunde Fussmarsch vom Wallfahrtsort Frauenstein entfernt. Ihr Vater Heinrich Frauendorfer arbeitete dort als Förster, die Familie lebte in einem Forsthaus oberhalb der Strasse. Das Forsthaus und die umgebende Landschaft blieben für Marlen Haushofer von grosser Bedeutung und fanden später Eingang in ihr literarisches Werk. In ihrem autobiografisch geprägten Kindheitsroman Himmel, der nirgendwo endet erscheint das Haus als ein zentraler Ort der Erinnerung: „Es sei kein besonders gemütliches Haus gewesen, weshalb sie wohl später auch eine Vorliebe für ungemütliche Wohnungen entwickelt habe. Es war für sie ‚einfach das Haus‘, ja im Grunde ‚das einzige Haus auf der Welt‘ – und nirgendwo anders habe sie sich je zu Hause gefühlt.“ (3)

Am 5. Juni 1924 wurde Marlens jüngerer Bruder Rudolf geboren. (17) Die neue Familiensituation war für sie zunächst mit Eifersucht und dem Gefühl verbunden, zurückgesetzt zu werden. Mit den Jahren entwickelte sich jedoch eine enge Beziehung zwischen den Geschwistern; Rudolf wurde zu einem wichtigen Spielkameraden ihrer Kindheit.

Marlen und ihr Bruder Rudolf wuchsen in engem Kontakt mit der Natur und dem landwirtschaftlich geprägten Alltag auf. Kühe, Schweine und ein Gemüsegarten trugen zur Versorgung der Familie bei. Marlen verbrachte viel Zeit im Freien und erkundete die Umgebung. Auch diese Erfahrungen mit Wald, Tieren und Natur wurden später zu wiederkehrenden Motiven ihres literarischen Werks. „In dieser Familie gibt es seit Generationen nur Förster, Jäger und Verwalter und in grauer Vorzeit einen wilden Landvogt“, heisst es in Marlen Haushofers autobiografischem Kindheitsroman Himmel, der nirgendwo endet über „Mamas väterliche Verwandtschaft“. (4)

Das Verhältnis zu ihrer tiefreligiösen Mutter Maria war nicht immer einfach. Marlen entsprach mit ihrem eigenwilligen Wesen offenbar nicht in allem den Vorstellungen ihrer Mutter. In Himmel, der nirgendwo endet lässt Haushofer ihre kindliche Figur Meta feststellen: „Freche Antworten nennt Mama es, wenn Meta sagt, was sie denkt.“ (5)

Zu ihrem Vater Heinrich hatte Marlen eine enge Beziehung. Nach seinem Mittagsschlaf erzählte er ihr Geschichten, die beide gemeinsam weitersponnen. Viele dieser Geschichten handelten vom Krieg. Daniela Strigl sieht darin auch eine frühe Anregung für Marlens Fantasie und Beobachtungsgabe. (6)

Schon vor dem Eintritt in die Volksschule in Frauenstein brachte sich Marlen das Lesen selbst bei. Die Freude an Büchern teilte sie mit ihren Eltern, die ebenfalls viel lasen. In der Schule galt sie als besonders begabt. Erinnerungen an ihre Kindheit zeichnen allerdings kein einheitliches Bild: Einerseits wurde sie als lebhaft und zu Streichen aufgelegt beschrieben, andererseits als zurückhaltend, verträumt und bisweilen melancholisch. Im Vergleich zu ihren Mitschülerinnen und Mitschülern wuchs sie sehr behütet auf.

1930, im Alter von zehn Jahren, trat Marlen Frauendorfer in das Mädchenrealgymnasium und Internat der Ursulinen in Linz ein. Die Schule in der Linzer Landstrasse war erst 1929 gegründet worden. Der Wechsel vom weitgehend freien Leben im Effertsbachtal in den streng geregelten Internatsalltag bedeutete eine einschneidende Veränderung. Wie stark Haushofer die Erfahrung des Internats später literarisch mit Gefühlen von Fremdheit und Verlust verband, zeigt sich in Himmel, der nirgendwo endet. Dort erlebt die Figur Meta den Wechsel aus dem Forsthaus in die Klosterschule als eine Art Verbannung: „Die Tage kriechen dahin, und sie glaubt nicht mehr, dass es das Forsthaus und seine Bewohner wirklich gibt. Sie lebt in einer unbegreiflichen kalten Welt, in der sie bestimmt bald sterben wird müssen.“ (6) Die Erfahrungen des Internats griff Haushofer später wiederholt in ihrem literarischen Werk auf. Neben Himmel, der nirgendwo endet finden sich entsprechende Schilderungen beispielsweise auch in Eine Handvoll Leben: „Sie wollte nicht um sechs Uhr aufstehen und trunken vor Schläfrigkeit in der Kirche singen, sie mochte keinen bitteren Kaffee trinken, und sie war gewöhnt, jederzeit reden zu dürfen, nicht nur zu gewissen Stunden. Besonders aber hasste sie das kalte Waschwasser, die straff geflochtenen Zöpfe und die Kälte. Den ganzen Tag fürchtete sie sich fröstelnd vor dem eiskalten Bett, in dem sie sich nie erwärmen konnte. Während die feuchtkalte Tuchent sie fast erdrückte, wuchs ihre Verzweiflung von Minute zu Minute, bis sie den Polster auf ihr Gesicht legte und zu weinen begann.“ (7) In einem Brief an ihre ehemalige Schulkameradin Gerti Menzl hielt Marlen Frauendorfer 1937 fest, dass die Klosterschwestern sehr streng gewesen seien, die Mädchen das Haus nicht verlassen durften und ihre Briefe zensiert wurden. Trotz gesundheitlicher Probleme gehörte Marlen zu den guten Schülerinnen.

Im Herbst 1933 erkrankte Marlen Frauendorfer an Tuberkulose und wurde nach der dritten Klasse für ein Jahr aus der Schule genommen. Bei der Erkrankung handelte es sich vermutlich um einen Primärinfekt; die genauen Umstände lassen sich aufgrund der spärlichen Überlieferung jedoch nicht eindeutig rekonstruieren. Im Winter oder Frühjahr 1934 erkrankte sie während dieses ausserhalb des Internats verbrachten Jahres in Effertsbach zusätzlich an einer lebensbedrohlichen Lungenentzündung. (8)

Die Erinnerungen ehemaliger Mitschülerinnen an Marlen Frauendorfer fielen unterschiedlich aus. Einige beschrieben sie als kränklich, still und eher traurig, zugleich aber als hervorragende Schülerin, deren Aufsätze häufig vor der Klasse vorgelesen wurden. Andere erinnerten sie als hochnäsig oder aber als Schülerin, die für jeden Streich im Internat zu haben war.

In einem Interview mit Raimund Lackenbucher blickte Marlen Haushofer 1968 auf ihre Internatszeit zurück (9): „Bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr war ich ein todunglücklicher Mensch. Man hatte mich zu den Ursulinen nach Linz gegeben. Der Übergang von der vollkommenen Freiheit in und rund um das Elternhaus zum Klosterleben führte zu schwersten Depressionen. Ich wurde ernstlich krank und für ein Jahr aus der Schule genommen. Da die Klosterschule aufgelöst worden war, besuchte ich eine öffentliche Mittelschule, die ich dann mit der Matura abschloss. Aber es war mir nach dem Kranksein ein Licht aufgegangen. Ich hatte gelernt, mich nicht mehr gegen alle möglichen Hindernisse aufzulehnen. Mit dem Kopf durch die Wand? Das hatte ich aufgegeben.“ (Raimund Lackenbucher: „In jener fernen Wirklichkeit…“. Ein besinnliches Gespräch mit Marlen Haushofer, in: Neue Illustrierte Wochenschau, Wien, 29.12.1968, S. 13f.)

1938 wurde die Schule der Ursulinen infolge der nationalsozialistischen Schulpolitik geschlossen. Marlen Frauendorfer wechselte daraufhin an das Gymnasium der Kreuzschwestern in Linz, das im Schuljahr 1938/39 als öffentliche 2. Oberschule für Mädchen weitergeführt wurde. Am 18. März 1939 legte sie dort die Matura ab. (10)

Unmittelbar nach Abschluss ihrer Schulzeit begann Marlen Frauendorfer den Reichsarbeitsdienst. Ihr Einsatz führte sie nach Christburg in Ostpreussen. (11) Damit begann ein neuer Lebensabschnitt, der zunehmend von den politischen und gesellschaftlichen Folgen des Nationalsozialismus und des bevorstehenden Krieges geprägt war.

Die Mutter

Maria Frauendorfer, geborene Leitner (1891–1974), war die Tochter eines Försters in St. Ulrich bei Steyr. Nach dem Besuch einer Hauswirtschaftsschule in Niederösterreich sollte sie nach dem Willen ihres Vaters den Haushalt auf dem elterlichen Hof führen. Sie entschied sich jedoch dagegen und trat auf Vermittlung von Bekannten als Kammerzofe in den Dienst einer Gräfin Colloredo, die sie auf ausgedehnten Reisen nach Frankreich und Italien begleitete. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 arbeitete Maria Frauendorfer in der Steyr-Waffenfabrik.

Ein Jahr nach Kriegsende siedelte sich Maria Frauendorfer mit ihrem Ehemann Heinrich im Effertsbachtal an. (12) Die Erinnerungen an ihre frühere Tätigkeit als Kammerzofe einer Gräfin und an die gemeinsamen Reisen nach Frankreich und Italien blieben für sie von Bedeutung. Sie hatte dabei auch Rom, Neapel und die Riviera kennengelernt und war gemeinsam mit ihrer Dienstherrin von Papst Pius X. in Privataudienz empfangen worden. Als ehemalige gräfliche Kammerzofe legte sie Wert darauf, sich von den Menschen im Tal abzuheben. Im Dorf galt sie als strenge Frau, die grossen Wert auf Etikette legte und nicht frei von Dünkel gewesen sei. Maria Frauendorfer war tiefreligiös, bezeichnete sich selbst als „Tatkatholikin“ und wird von Daniela Strigl als religiös „bis zur Bigotterie“ charakterisiert. (13)

Als professionell ausgebildete Köchin führte Maria Frauendorfer die Küche mit strenger Hand und setzte viel Energie auf eine perfekte Haushaltsführung. Am Tisch wurde gebetet und am Sonntag mussten alle Mitglieder des Hauses zur Kirchmesse gehen. Ihre Selbständigkeit und Härte standen möglicherweise auch mit den Erfahrungen ihrer eigenen Kindheit in Zusammenhang. Strigl beschreibt Marias Vater als herrschsüchtigen Mann, der seine Kinder schlug und häufig Streit suchte. Ihre Mutter hingegen wird als sanfte und traurige Frau beschrieben, die Maria sehr bewunderte. Im Laufe ihres Lebens soll sie ihrer Mutter zunehmend ähnlicher geworden sein. (13)

Der Vater

Heinrich Frauendorfer (1888–1970) stammte aus Steyr. Nach dem Besuch der Forstschule im böhmischen Budweis leistete er drei Jahre Militärdienst. Während des Ersten Weltkriegs war er vier Jahre an den Fronten in Russland und Südtirol eingesetzt. (12)

Heinrich Frauendorfer galt als ruhiger, ausgeglichener und humorvoller Mann und war sowohl bei seinen Mitarbeitern als auch bei den Bewohnern der Umgebung beliebt. Als Lambergscher Revierförster genoss er in Frauenstein grosses Ansehen. Sein Revier umfasste rund 1.500 Hektar Wald. Bei Holzverkäufen und Wildschäden verhandelte er mit den Bauern und bemühte sich um gerechte Lösungen.

Heinrich und Maria Frauendorfer lernten einander näher kennen, nachdem Heinrich aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt war. Die Eltern von Heinrich und Maria waren miteinander befreundet. Jahre später erzählte Marlen einer ehemaligen Mitschülerin, sie habe einen Liebesbrief ihres Vaters an ihre Mutter gefunden. Ein Satz daraus sei ihr besonders in Erinnerung geblieben: „Du bist eine Hexe, du hast mich verzaubert.“ (15)

Züge der Vaterfigur finden sich auch in Marlen Haushofers autobiografisch geprägtem Roman Himmel, der nirgendwo endet. Dort erscheint der Vater als widersprüchliche Gestalt: als Förster, der nicht jagen möchte, als Familienvater, der zugleich die Einsamkeit des Waldes sucht, und als grundsätzlich ruhiger Mann, dessen Gelassenheit in Jähzorn umschlagen kann. Auch sein Verhältnis zum Jagdhund Schlankl wird im Roman geschildert. Wenn der Hund von verbotenen Ausflügen aus dem Wald zurückkehrt, reagiert der Vater mit heftiger Wut und bestraft ihn. (14)

Mit seiner stattlichen Statur vermittelte Heinrich Frauendorfer nach aussen das Bild eines Patriarchen. Nach den biografischen Überlieferungen entsprach sein Verhalten innerhalb der Familie diesem Eindruck jedoch nur bedingt. Gegenüber seiner Tochter Marlen blieb er auch dann zurückhaltend, wenn ihre Mutter sich ein strengeres Eingreifen des Vaters gewünscht hätte. (6)

Quellhinweise

  • (1) Katalog zur Ausstellung „Marlen Haushofer 1920–1970“, S. 5.
  • (2) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 28.
  • (3) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 22f.
  • (4) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 19f.
  • (5) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 25f.
  • (6) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 34ff.
  • (7) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 68ff.
  • (8) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 86ff.
  • (9) Katalog zur Ausstellung „Marlen Haushofer 1920–1970“, S. 13.
  • (10) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 106ff.
  • (11) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 108 ff.
  • (12) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 17ff.
  • (13) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 31f.
  • (14) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 35 ff.
  • (15) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 20.
  • (16) Gemäss einer Mitteilung von Ute Riesz vom 10.11.2024 hiess der Pfarrer Anton Haberkorn und nicht Haberkamm, wie es im Katalog „Marlen Haushofer 1920–1970“ vermerkt ist.
  • (17) Anna Weinkamer: „Haushofer, Marlen“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2025.