BIOGRAFIE

Die späten Jahre

1966–1969

In diesen Jahren entstanden mit Himmel, der nirgendwo endet, Schreckliche Treue und Die Mansarde wichtige Werke Marlen Haushofers. Zugleich erhielt ihr literarisches Schaffen zunehmend Anerkennung. Ab 1967 beeinträchtigten wachsende gesundheitliche Beschwerden ihren Alltag; im Herbst 1968 wurde eine Krebserkrankung diagnostiziert. Trotz der schweren Krankheit setzte Haushofer ihre literarische Arbeit fort.

Eigentlich kann ich nur leben, wenn ich schreibe…

Im Januar 1966 musste sich Marlen Haushofer wegen gutartiger Wucherungen die Gebärmutter entfernen lassen. Sie hatte bereits längere Zeit unter starken Schmerzen gelitten, erholte sich jedoch rasch von der Operation. Bald nahm sie das Schreiben wieder auf und arbeitete an Erzählungen, die ihr Verleger Sigbert Mohn bei ihr bestellt hatte.(1)

Im Frühjahr 1966 erschien der Kindheitsroman Himmel, der nirgendwo endet mit der Widmung „Für meinen Bruder“. Die öffentliche Reaktion auf den Roman fiel sehr positiv aus. Die Kritik bescheinigte dem Buch unter anderem Poesie und hob hervor, dass es frei von Sentimentalität sei. Für Haushofer selbst nahm der Roman eine besondere Stellung in ihrem Werk ein. In einem Interview mit Dora Dunkl bezeichnete sie Himmel, der nirgendwo endet als „eine Autobiographie meiner Kindheit“. Es genüge ihr, so Haushofer, darin „ein Stück Vergangenheit eingefangen zu haben und manchmal daran zu denken“.(2)

Im Januar 1967 hielt Haushofer in ihrem Tagebuch fest, wie eng das Schreiben für sie mit ihrem Lebensgefühl verbunden war:

„Eigentlich kann ich nur leben, wenn ich schreibe u. da ich derzeit nicht schreibe fühle ich mich versumpft u. ekelhaft. Werde Kinderbuch machen, besser als garnichts.“

Zugleich setzte sie sich kritisch mit ihren Erzählungen auseinander, die sie selbst als „wahnsinnig depressiv u. hoffnungslos“ empfand. Sie beschloss, sich zunächst wieder einem Kinderbuch zuzuwenden. Zwei Monate später notierte sie, das Buch selbst innerhalb von acht Tagen geschrieben zu haben. Strigl vermutet, dass es sich dabei um das später erschienene Wohin mit dem Dackel? handelte.(3)

Im Februar 1967 teilte Sigbert Mohn Haushofer mit, dass die ursprünglich für den Herbst geplante Veröffentlichung ihres Erzählbandes auf das folgende Jahr verschoben werde. Hermann Schreiber riet ihr daraufhin zu einem Wechsel zum Claassen Verlag. Bereits Anfang Mai bot ihr der Verlag einen Autorenvertrag für das fertige Manuskript an. Haushofer entschloss sich daraufhin, Sigbert Mohn um die Freigabe der Erzählungen für einen anderen Verlag zu bitten.(4)

Im Frühjahr 1967 reiste Haushofer mit Angela „Elli“ Mohr, Trude Laux-Johnson und einer weiteren Freundin nach Rom. Für Haushofer, die während ihres Studiums auch Kunstgeschichte belegt hatte und erstmals in Rom war, wurde die Reise zu einem besonderen Erlebnis. Die vier Freundinnen absolvierten ein umfangreiches Besichtigungsprogramm. Haushofer hatte sogar Katzenfutter aus Steyr mitgebracht und notierte nach einem Besuch des Forum Romanum in ihrem Tagebuch: „3 Katzen im Forum gefüttert, sehr gescheit, nehmen Kitekat.“ Angela Mohr erinnerte sich später, Haushofer kaum je so gelöst erlebt zu haben wie auf dieser Reise.(5)

Im Laufe des Jahres 1967 machten sich zunehmend Schmerzen in der Hüftgegend bemerkbar, die Haushofer zunächst ignoriert hatte. Ein Arzt vermutete Rheuma oder Ischiasbeschwerden und verschrieb ihr eine Salbe. Als die Schmerzen anhielten, wurde sie von einem befreundeten Unfallchirurgen geröntgt; auf der Aufnahme war jedoch nichts Auffälliges zu erkennen.(6)

Im Herbst 1967 wurde das literarische Programm des Mohn Verlags eingestellt. Haushofer war zu diesem Zeitpunkt bereits zum Claassen Verlag gewechselt, wo ihre Erzählungen im folgenden Frühjahr erscheinen sollten.(7)

Als Jeannie Ebner 1967 die Redaktion der Zeitschrift Literatur und Kritik übernehmen sollte, begrüsste Haushofer dies ausdrücklich. Sie schickte ihrer Freundin später zwei neue Erzählungen zur Beurteilung, darunter Der Bruder.

Schreckliche Treue

Im Frühjahr 1968 erschien im Claassen Verlag der Erzählband Schreckliche Treue. Die Veröffentlichung war von Auseinandersetzungen über das Honorar und die Textgestalt begleitet. Insbesondere mit stilistischen Änderungen des Verlags tat sich Haushofer schwer. Der Band fand bei der Literaturkritik breitere Beachtung als Himmel, der nirgendwo endet oder der 1966 von Oskar Jan Tauschinski zusammengestellte Erzählband Lebenslänglich. Die neuen Erzählungen wurden überwiegend positiv aufgenommen.(8) Für Schreckliche Treue wurde Haushofer 1968 der Staatspreis für Literatur zugesprochen; überreicht wurde ihr die Auszeichnung im Mai 1969.(9)

Anfang 1968 begann Haushofer mit der Arbeit an einem neuen Roman. Gegenüber Jeannie Ebner schrieb sie, dass daraus etwas werden könne, wenn sie nur genügend „Ruhe u. Frieden“ und Zeit hätte. Gleichzeitig belastete sie der schlechte Gesundheitszustand ihres Vaters, der im vergangenen Herbst einen weiteren Schlaganfall erlitten hatte. Auch um ihre Mutter, die zunehmend mit seiner Pflege belastet war, machte Haushofer sich Sorgen. Sie selbst litt unter hohem Blutdruck und musste täglich Medikamente einnehmen. Ihre mittlerweile chronischen Hüftschmerzen erwähnte sie in diesem Brief nicht.(10)

Die Wand im Rundfunk

Anfang 1968 setzte sich Haushofer bei ihrem neuen Verlag dafür ein, Die Wand und Himmel, der nirgendwo endet neu aufzulegen. Die Wand war zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren vergriffen. Haushofer war überzeugt von dem Roman und schrieb an ihren Verleger Erwin Barth von Wehrenalp: „Die Wand ist mein bestes Buch.“ Der Claassen Verlag griff ihren Wunsch auf und plante noch für den Herbst desselben Jahres eine Sonderausgabe.
Eine besondere Wirkung entfaltete die Lesung von Die Wand im österreichischen Rundfunk. Ab März 1968 las Haushofers Freundin Elfriede Ott den Roman im ORF in der Reihe „Roman in Fortsetzungen“. Die Sendung verschaffte Haushofer in Österreich einen deutlichen Popularitätsschub. Sie erhielt zahlreiche Zuschriften von Hörerinnen und Hörern und erlebte nach eigener Aussage erstmals einen Erfolg, bei dem sie die Anteilnahme ihr völlig fremder Menschen unmittelbar wahrnahm. Die Resonanz war so gross, dass beim ORF eigens eine Sekretärin für die Beantwortung der Hörerpost eingesetzt wurde.(11)

Im Mai 1968 reiste Haushofer erneut nach Rom, diesmal gemeinsam mit ihrem Mann. Die bereits im Winter geplante Reise hatte sie mit grosser Vorfreude erwartet. Doch beide waren gesundheitlich angeschlagen: Haushofer litt unter ihren Beinschmerzen, während Manfred Haushofer mit verschiedenen Beschwerden zu kämpfen hatte. Trotz der körperlichen Belastungen genoss sie das Wiedersehen mit der Stadt, ihren Kirchen und Museen. Besonders beeindruckten sie die Antike, die frühchristliche Kunst und die italienische Malerei des Mittelalters und der Frührenaissance. Am letzten Tag besuchten die beiden Ostia Antica.(12)

Die Diagnose

Im Oktober 1968 reiste Haushofer mit Angela „Elli“ Mohr nach Florenz. Ihre Hüftschmerzen, die inzwischen bis in den Oberschenkel ausstrahlten, waren mittlerweile so stark, dass sie sich für die Spaziergänge in der Stadt weiche Hausschuhe kaufen musste. Nach ihrer Rückkehr nach Steyr liess sie sich erneut untersuchen und röntgen. Dabei wurde am rechten Hüftgelenk eine bereits apfelgrosse Geschwulst festgestellt. Zunächst stand neben Knochenkrebs auch Knochentuberkulose als mögliche Diagnose im Raum; wenig später bestätigte sich die Krebserkrankung.(13)

Die Mansarde

Im Spätherbst 1968 begann Haushofer eine medizinische Behandlung. Gleichzeitig arbeitete sie mit grosser Disziplin an der Fertigstellung ihres neuen Romans, den sie innerhalb von nur neun Monaten vollendete. Noch vor Weihnachten wurde sie auf Vermittlung Hans Weigels in die Wiener Privatklinik aufgenommen. Dort versuchten die Ärzte, den Tumor operativ zu entfernen. Der Eingriff musste jedoch abgebrochen werden, da die Geschwulst an einer schwer zugänglichen Stelle lag und starke Blutungen auftraten. Anschliessend wurde Haushofer mehrere Wochen lang bestrahlt. Trotz ihrer Erkrankung stellte sie den Roman fertig. Mitte Januar 1969 erhielt der Claassen Verlag das Manuskript, das nun den Titel Die Mansarde trug. Verlagsleiter Erwin Barth von Wehrenalp bezeichnete es gegenüber Haushofer als ein „grossartiges Manuskript“, auch wenn es über weite Strecken „sehr quälend“ sei.(14)

In den ersten Monaten des Jahres 1969 kam es zwischen Haushofer und ihrem Verlag zu längeren Diskussionen über Titel und Untertitel des neuen Romans. Der Verleger Erwin Barth von Wehrenalp wollte sowohl die Bezeichnung „Roman“ als auch den Titel Die Mansarde ändern und schlug verschiedene Alternativen vor. Hans Weigel, der während Haushofers Erkrankung die Korrespondenz mit dem Verlag und die Fahnenkorrektur übernommen hatte, setzte sich dagegen für den ursprünglichen Titel ein. Schliesslich einigten sich Verlag und Autorin auf Die Mansarde und die schlichte Gattungsbezeichnung „Roman“ – ohne Untertitel.(15)

Wie offen innerhalb der Familie über die Schwere von Haushofers Erkrankung gesprochen wurde, lässt sich nicht eindeutig feststellen. Spätere Erinnerungen der Angehörigen und Freunde widersprechen einander. Haushofer selbst bat ihren Vertrauten Oskar Jan Tauschinski ausdrücklich, ihren Mann und ihre Söhne nicht über den Ernst ihrer Erkrankung aufzuklären.(16)

Im März 1969 ging die erste Serie der Strahlentherapie ihrem Ende entgegen. Während dieser Zeit wohnte Haushofer im Haus ihres Onkels Hans in Wien, wo sie von dessen Frau Käthe betreut wurde. Die Behandlung und die zahlreichen Medikamente belasteten sie stark; selbst das Schreiben fiel ihr zeitweise schwer. Dennoch versuchte sie in ihren Briefen an die Eltern Zuversicht zu vermitteln. Noch vor Ostern konnte sie nach Steyr zurückkehren. Während ihrer Abwesenheit hatte Manfred Haushofer den Umzug der Familie in eine neue Wohnung organisiert. Haushofer fiel es zunächst schwer, sich dort einzuleben.(17)

Trotz ihrer schweren Erkrankung arbeitete Haushofer weiter. Zunächst schrieb sie ein heiteres Theaterstück, für das sie Elfriede Ott eine Hauptrolle zugedacht hatte. Hans Weigel erhielt das Manuskript zur Beurteilung. Haushofer schrieb ihm daraufhin, es mache nichts, dass das Stück offenbar nicht überzeugt habe; sie habe mit Theaterstücken keine Erfahrung und das Schreiben habe ihr dennoch viel Freude bereitet. Anschliessend wandte sie sich wieder der Kinderliteratur zu.Mit Schlimm sein ist auch kein Vergnügen entstand ihr letztes Werk. Darin kehrte sie noch einmal zum Forsthaus am Effertsbach zurück, dem Schauplatz ihrer Kindheit. Das Buch erschien erst nach ihrem Tod.(18)

Der letzte Sommer

Im Mai 1969 erlitt Haushofers Vater einen weiteren Schlaganfall. Während seines Krankenhausaufenthalts besuchte sie ihn täglich. Im selben Monat wurde ihr im Unterrichtsministerium der bereits 1968 zuerkannte Österreichische Staatspreis für Literatur für den Erzählband Schreckliche Treue überreicht.(19)

Im Sommer musste Haushofer wiederholt zu Kontrolluntersuchungen nach Wien. Die Strahlentherapie hatte nicht den erhofften Erfolg gebracht; hinzu kam eine intensive Chemotherapie, deren Nebenwirkungen sie stark belasteten. Dennoch reiste sie in der zweiten Julihälfte gemeinsam mit ihrem Mann nach Malcesine am Gardasee. Dort trafen sie auch ihren langjährigen Freund Hermann Schreiber und dessen Frau. In einem Brief an Jeannie Ebner berichtete Haushofer von erneut zunehmenden Schmerzen, schrieb aber zugleich, sie arbeite weiter, soweit es ihr möglich sei.(19)

Anfang September 1969 erschien Die Mansarde. Die Reaktionen der Literaturkritik fielen unterschiedlich aus. Während einige Rezensenten die Darstellung der nur scheinbar harmlosen Häuslichkeit und der voneinander getrennten Innenwelten von Mann und Frau hervorhoben, stiess der Roman andernorts auf deutliche Ablehnung. Besonders positiv äusserte sich der Komponist Gottfried von Einem, der Haushofer für die „Unerbittlichkeit der Darstellung des Existierenden“, ihren „Mut zu gedeckten Farben“ und ihre „Liebe zur Sprache“ würdigte.(20)

Noch im September nahm Haushofer an einem Leseabend zu ihren Ehren in der Kapelle von Schloss Lamberg in Steyr teil. Oskar Jan Tauschinski führte in den Abend ein, Dora Dunkl las die Erzählung Schreckliche Treue und ein Kapitel aus Die Mansarde.(21)

Zu Weihnachten 1969 schrieb Haushofer ihrem Freund Oskar Jan Tauschinski, ihr Gesundheitszustand sei „eher ziemlich mies“. Dennoch bewahrte sie ihren Humor und schloss mit den Worten: „Aber hoffen wir fröhlich auf 1970. Dir wird vielleicht ein neues Rückgrat, mir ein neuer Popo und Manfred ein neues Herz wachsen.“(22)

Quellhinweise

  • (1) Daniela Strigl, Marlen Haushofer. Die Biographie, S. 284.
  • (2) Ebd., S. 284.
  • (3) Ebd., S. 288 f.
  • (4) Ebd., S. 289–291.
  • (5) Ebd., S. 290.
  • (6) Ebd., S. 290 f.
  • (7) Ebd., S. 291.
  • (8) Ebd., S. 292–294.
  • (9) Ebd., S. 294; Christa Gürtler (Hg.), „Ich möchte wissen, wo ich hingekommen bin“. Marlen Haushofer 1920–1970, S. 289.
  • (10) Strigl, S. 294 f.
  • (11) Ebd., S. 295 f.
  • (12) Ebd., S. 296 f.
  • (13) Ebd., S. 297 f.
  • (14) Ebd., S. 301 f.
  • (15) Ebd., S. 313.
  • (16) Ebd., S. 315 f.
  • (17) Ebd., S. 317–319.
  • (18) Ebd., S. 319.
  • (19) Ebd., S. 319 f.; zum Staatspreis zusätzlich Gürtler, S. 289.
  • (20) Strigl, S. 320–322.
  • (21) Ebd., S. 322.
  • (22) Ebd., S. 325.