BIOGRAFIE
Das Jahr des Abschieds
1970
In den ersten Monaten des Jahres 1970 verschlechterte sich Marlen Haushofers Gesundheitszustand zunehmend. Mit Mach Dir keine Sorgen verfasste sie Ende Februar ihren letzten Text. Am 21. März 1970 starb sie in Wien, wenige Wochen vor ihrem fünfzigsten Geburtstag. Ihre Urne wurde auf dem Stadtfriedhof in Steyr beigesetzt.
Anfang 1970 hatte sich Haushofers Gesundheitszustand weiter verschlechtert. Als eine frühere Schulfreundin sie in ihrer Wohnung besuchte, war sie bereits nicht mehr in der Lage, ein mitgebrachtes Buch zu signieren. Sie bat die Freundin, es bei einem späteren Besuch noch einmal mitzubringen. Dazu sollte es nicht mehr kommen.
Am 10. Februar 1970 entschuldigte sich Haushofer bei ihrem Verleger Erwin Barth von Wehrenalp für ihr langes Schweigen. In einer Ansichtskarte berichtete sie, sie habe vor Weihnachten eine „sehr tückische Grippe“ bekommen und liege bereits seit sieben Wochen. Nur langsam gehe es ihr besser; die Erkrankung habe auch ihren sonstigen Gesundheitszustand zusätzlich belastet.(1)
Mach Dir keine Sorgen
Am 26. Februar 1970 verfasste Haushofer mit Mach Dir keine Sorgen ihren letzten Text. Daniela Strigl bezeichnet ihn als eine Art literarisches Testament und sieht in der Datierung und Unterschrift einen Hinweis darauf, dass Haushofer den Text zur Veröffentlichung bestimmt hatte. Darin setzte sich Haushofer mit ihrem bevorstehenden Tod, ihrem Körper und der Vergänglichkeit auseinander. Mehrfach kehrte sie zu der Aufforderung „Mach Dir keine Sorgen“ zurück.(2)
Bei der ersten Veröffentlichung des Textes in der von Jeannie Ebner herausgegebenen Zeitschrift Literatur und Kritik wurde eine entscheidende Passage gekürzt: Aus Haushofers Satz „Dafür sei Gott bedankt, den es nicht gibt“ wurden die Worte „den es nicht gibt“ weggelassen. Dadurch erhielt die Aussage eine wesentlich andere Bedeutung.(2)
Die letzten Tage
Am 6. März 1970 wurde Haushofer erneut in die Wiener Privatklinik aufgenommen. Ihre Schmerzen waren inzwischen kaum noch zu lindern. Am 10. März versuchten die Ärzte mit einer Operation am Rückenmark die Nervenbahnen zu unterbrechen, die den Schmerz aus der Hüftregion weiterleiteten. Der Eingriff blieb ohne Erfolg. Infolge einer Infektion entwickelte sich eine Gehirnhautentzündung. Haushofer erhielt stärkste Schmerzmittel, war schliesslich nicht mehr ansprechbar und fiel ins Koma.
Marlen Haushofer starb am 21. März 1970 um 11.15 Uhr in der Wiener Privatklinik, drei Wochen vor ihrem fünfzigsten Geburtstag. Ihr Bruder Rudolf verbrachte die letzte Nacht an ihrem Bett, während ihr Mann und ihre Söhne draussen warteten.(3)
Abschied und Nachlass
In ihrem Testament bestimmte Haushofer Oskar Jan Tauschinski zu ihrem Nachlassverwalter. Tauschinski, der sie während ihrer Krankheit über Monate hinweg nahezu täglich besucht hatte, erfuhr davon erst nach ihrem Tod.(4)
Am Morgen des 26. März 1970 wurde Marlen Haushofer in der Feuerhalle Wien-Simmering eingeäschert. Zahlreiche Freunde nahmen an der Trauerfeier teil. Anschliessend wurde ihre Urne nach Steyr überführt und auf dem dortigen Stadtfriedhof beigesetzt.(4)
Für eine vergessliche Zwillingsschwester
Bereits Mitte der 1960er-Jahre hatte Haushofer für eine Feuilletonreihe des ORF einen ungewöhnlichen Text verfasst. Unter der Leitung von Ernst Schönwiese waren verschiedene Autorinnen und Autoren gebeten worden, ihre eigene Grabrede zu schreiben. Haushofer gab ihrem Text den Titel Für eine vergessliche Zwillingsschwester. Er erschien 1969 erstmals im literarischen Jahrbuch Stillere Heimat. Darin schrieb sie über ihr eigenes Verschwinden mit jener eigentümlichen Mischung aus Distanz und trockenem Humor, die sich auch in ihren späten Texten findet. Am Ende heisst es: „Marlen Haushofer, meine Zwillingsschwester, hat sich zu einem langen Schlaf zurückgezogen […]“(5)
Quellhinweise
- (1) Daniela Strigl, „Wahrscheinlich bin ich verrückt …“. Marlen Haushofer – die Biographie, S. 325.
- (2) Ebd., S. 325–327.
- (3) Ebd., S. 327 f.
- (4) Ebd., S. 328.
- (5) Marlen Haushofer, Für eine vergessliche Zwillingsschwester, in: Stillere Heimat. Literarisches Jahrbuch, Linz 1969, S. 186–192; zur Entstehungsgeschichte siehe Marlen Haushofer 1920–1970, S. 41–44.