BIOGRAFIE
Die Jahre des Aufbruchs
1946–1954
Nach dem Krieg begann Marlen Haushofer ernsthaft zu schreiben und fand Anschluss an die österreichische Literaturszene. Erste Veröffentlichungen und literarische Erfolge standen neben familiären Konflikten, der Scheidung von Manfred Haushofer und persönlichen Krisen.
Ein neuer Anfang
Im Herbst 1945 beschlossen Marlen und Manfred Haushofer, Marlens vierjährigen Sohn Christian nach Österreich zu holen. Christian war bei Berta Laux in Herrsching am Ammersee aufgewachsen, die ihn wie einen eigenen Sohn oder Enkel aufgezogen hatte. Seine leibliche Mutter kannte er nur von ihren Besuchen. Zunächst kam Christian zu seinen Grosseltern Heinrich und Maria Frauendorfer ins Effertsbachtal.
Für den Jungen bedeutete der Verlust seiner vertrauten Umgebung und seiner geliebten Ziehmutter einen tiefen Einschnitt. Daniela Strigl bezeichnet die Situation als traumatisch. Christian begegnete im Effertsbachtal zunächst einer Familie, die ihm teilweise ablehnend gegenüberstand. Besonders Maria Frauendorfer hatte Mühe, die uneheliche Geburt ihres Enkels zu akzeptieren, und vermied es anfangs, sich mit ihm im Ort zu zeigen. Mit der Zeit wuchs Christian seinen Grosseltern jedoch ans Herz.(1)
Marlen und Manfred Haushofer lebten 1946 mit ihrem dreijährigen Sohn Manfred wieder in Graz, wo Manfred seine zahnärztliche Fachausbildung absolvierte. Die Entbehrungen der unmittelbaren Nachkriegszeit und die Verantwortung für ihren Sohn hielten Marlen davon ab, ihr bereits weit fortgeschrittenes Studium abzuschliessen. Auch Unterlagen für ihre Dissertation waren verloren gegangen: Ein auf einem Bahnhof deponierter Koffer ging bei einem Bombenangriff verloren; er soll neben Material für ihre Dissertation auch frühe Manuskripte enthalten haben.(1)
Erste Veröffentlichungen
1946 begann Marlen Haushofer wieder ernsthaft zu schreiben und ihre Texte mit der Absicht zu verfassen, sie auch zur Veröffentlichung anzubieten. Nach ihrer eigenen späteren Erinnerung hatte sie während des Krieges „keine Zeile“ geschrieben. Ihr Ehemann Manfred erinnerte sich hingegen daran, dass noch in den letzten Kriegstagen ihre erste „richtige“ Erzählung entstanden sei, angeregt durch eine madonnenartige Sandsteinfigur. Daniela Strigl geht davon aus, dass es sich dabei um Das Wintermärchen handelte. Bald folgten weitere Märchen und Kurzgeschichten. Dabei dürfte auch die Möglichkeit, mit Veröffentlichungen in Zeitungen das knappe Haushaltsbudget aufzubessern, für Haushofer einen Anreiz dargestellt haben.(2)
Im September 1946 nahm Haushofer an einem Literaturwettbewerb des Linzer Volksblattes teil, das einen Preis für die beste Kurzgeschichte, Skizze oder Erzählung ausgeschrieben hatte. Mit Die blutigen Tränen gewann sie zwar keinen Preis, doch die Teilnahme führte vermutlich zu ihrer ersten Veröffentlichung. In der Erzählung griff Haushofer erstmals literarisch auf die Welt ihrer eigenen Kindheit zurück und erzählte aus der Perspektive eines kleinen Mädchens. Daniela Strigl erkennt darin zugleich bereits ein später wiederkehrendes Thema ihres Werks: die Auflehnung gegen die traditionelle Rolle der Hausfrau.(2)
Über ihre literarischen Anfänge berichtete Haushofer 1968 im Gespräch mit Elisabeth Pablé („Elisabeth Pablé, Begegnungen – Erfahrungen. Marlen Haushofer oder die sanfte Gewalt“, in: Die Furche, Wien, 13.4.1968):
„Geschrieben hab‘ ich von meinem achten Jahr an bis zu meinem neunzehnten nur so für mich, Geschichten, Gedichte und sehr merkwürdige Romankapitel, die ich leider, wie so vieles aus dieser Zeit, verloren hab‘. Während des Krieges dann keine Zeile. Erst 1946 hab‘ ich wieder angefangen, und diesmal mit der Absicht, meine Geschichten anzubieten.“ (3)
Ein neues Leben in Steyr
Nach Abschluss seiner Facharztausbildung fand Manfred Haushofer 1947 eine Stelle als ärztlicher Leiter des Zahnambulatoriums der Krankenkasse in Steyr. Zunächst lebte er dort allein. Als der Familie eine grössere Dienstwohnung in der Leharstrasse 7 zur Verfügung stand, folgten Marlen und der jüngere Sohn Manfred aus Graz. Nun holten sie auch Christian aus dem Effertsbachtal zu sich.(4)
Christian sollte im Herbst eingeschult werden. 1947 erhielt er offiziell den Familiennamen Haushofer, wurde von Manfred Haushofer jedoch nicht adoptiert. Manfred fiel es nach den biografischen Überlieferungen schwer, Christian als seinen Sohn anzunehmen; eine emotionale Distanz zwischen beiden blieb bestehen. Christian selbst wusste nicht, dass Manfred nicht sein leiblicher Vater war. Von seiner tatsächlichen Herkunft erfuhr er erst nach dem Tod seiner Mutter. (4)
Nach aussen baute sich die Familie in Steyr eine bürgerliche Existenz auf, innerhalb der Familie traten jedoch zunehmend Spannungen hervor. Das Zusammenleben der beiden Halbbrüder Christian und Manfred war von wiederkehrenden Konflikten und Eifersucht geprägt. Auch die Beziehung zwischen Marlen und Manfred Haushofer geriet zunehmend in eine Krise.(4)
Marlen Haushofer führte die zunehmende Entfremdung von ihrem Mann später auch auf dessen Erfahrungen während des Krieges zurück. Spuren dieser Auseinandersetzung erkennt Daniela Strigl in Die Wand, wo sich die Erzählerin an ihren verstorbenen Ehemann Georg erinnert – Georg war zugleich einer der Vornamen Manfred Haushofers. Die Erzählerin beschreibt einen Mann, der durch Krieg und gesellschaftliche Erwartungen verändert worden sei und dessen frühere Unbefangenheit verloren gegangen war. Strigl sieht darin Haushofers Sehnsucht nach einem Zustand von kindlicher Offenheit und Unschuld, den sie bei ihrem Mann verloren glaubte. (4)
Die Rolle als Mutter hatte für Marlen Haushofer zunächst grosse Bedeutung. In einem undatierten Brief an Hans Weigel erinnerte sie sich an die Jahre, in denen sie selbst im Schlaf stets bereit gewesen sei, für ihre Kinder aufzustehen. Als diese intensive Zeit vorüber war, habe sie sich „traurig u. leer“ gefühlt. Der Familienalltag blieb jedoch schwierig. Christian und Manfred gerieten häufig und heftig aneinander, und Marlen musste wiederholt zwischen ihren Söhnen vermitteln. Auch gegenüber ihrem Vater versuchte sie die Kinder zu schützen, insbesondere Christian, dem gegenüber Manfred leicht in Rage geriet.
Christian hatte bereits in der Volksschule grosse Schwierigkeiten mit dem Lernen, für die seine Eltern wenig Verständnis aufbrachten. Die Ferien verbrachten die beiden Jungen häufig bei den Grosseltern im Forsthaus, wo sie sich wohl fühlten; doch auch dort stiessen Christians schulische Probleme auf Unverständnis. Daniela Strigl stellt die Frage, ob seine Lernverweigerung als Reaktion auf seine schwierige familiäre Situation verstanden werden könne – als Protest und Hilferuf eines Kindes, das seine ersten Lebensjahre bei einer geliebten Ziehmutter verbracht hatte und sich nun in einer Familie zurechtfinden musste, in der seine Stellung schwierig blieb. Zu den familiären Spannungen kamen zunehmende Probleme in der Ehe. Manfred Haushofer hatte sich als junger Zahnarzt in Steyr rasch den Ruf erworben, anderen Frauen gegenüber nicht abgeneigt zu sein. Für Marlen gab es nach Strigl begründeten Anlass zur Eifersucht. (4)
Anschluss an die Literaturszene
Mit ihren ersten Veröffentlichungen fand Marlen Haushofer allmählich Anschluss an die österreichische Literaturszene der Nachkriegszeit. Eine wichtige Rolle spielte dabei der Schriftsteller und Herausgeber Hermann Hakel, der nach dem Krieg junge literarische Talente förderte und ihnen Möglichkeiten zur Veröffentlichung verschaffte. Haushofer lernte Hakel im Umfeld des österreichischen PEN-Clubs kennen. Bei einer von ihm veranstalteten Lesung trug sie ihre Erzählung Für eine vergessliche Zwillingsschwester vor. Hakel vermittelte den Text anschliessend an die Wiener Arbeiter-Zeitung, wo er veröffentlicht wurde. 1949 nahm er zudem die Erzählungen Das Morgenrot und Der Staatsfeind in seine Literaturzeitschrift Lynkeus auf. (5)
Durch Hakel kam Haushofer mit einem Kreis junger österreichischer Autorinnen und Autoren in Berührung, zu dem unter anderem Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Milo Dor, Reinhard Federmann, Gerhard Fritsch und Hans Weigel gehörten. Viele von ihnen standen damals noch am Beginn ihrer literarischen Laufbahn. Für Haushofer eröffnete sich damit neben ihrem bürgerlichen Familienleben in Steyr eine zweite Welt: das literarische Milieu Wiens, in dem über Texte diskutiert, gelesen und nach Möglichkeiten zur Veröffentlichung gesucht wurde.(5)
Der Ausbruch
Die Verbindung zu Hermann Hakel blieb nicht auf das Literarische beschränkt. Hakel begann, Haushofer den Hof zu machen, schrieb ihr Briefe und machte ihr Komplimente. Zunächst reagierte sie zurückhaltend auf seine Annäherungsversuche. Doch Hakels Interesse und seine Anerkennung als Schriftstellerin bedeuteten ihr viel.
Für Haushofer eröffnete sich mit ihren Aufenthalten in Wien zunehmend eine Gegenwelt zum Alltag in Steyr. Dort standen die Familie, die Kinder und die Erwartungen an die Ehefrau und Mutter im Mittelpunkt; in Wien begegnete sie Menschen, die sie als Schriftstellerin wahrnahmen und mit denen sie ihre literarischen Interessen teilen konnte.
Aus der zunächst literarischen Verbindung zu Hakel entwickelte sich schliesslich eine Liebesbeziehung. Die Beziehung eröffnete Haushofer zugleich eine Möglichkeit, zeitweise aus ihrem bisherigen Alltag auszubrechen. Eine einfache Entscheidung für ein anderes Leben war damit jedoch nicht verbunden. Sie blieb ihrer Familie und insbesondere ihren Kindern eng verbunden und bewegte sich zunehmend zwischen ihrem Alltag in Steyr und dem literarischen Leben in Wien.(6)
1950 zog Marlen Haushofer eine weitreichende Konsequenz aus der Ehekrise. Ohne ihren Mann zuvor über ihre Absicht zu informieren, leitete sie die Scheidung ein. Manfred Haushofer erfuhr davon offenbar erst durch die gerichtliche Ladung. Am 24. Juni 1950 wurde die Ehe geschieden. Die Scheidung bedeutete jedoch keineswegs das Ende ihres gemeinsamen Lebens. Marlen und Manfred Haushofer wohnten weiterhin zusammen, und auch nach der Scheidung führte sie seinen Familiennamen weiter. Die ungewöhnliche Verbindung zwischen Nähe und Trennung sollte ihre Beziehung noch viele Jahre prägen.(6)
Auch im Alltag änderte sich zunächst wenig. Im November 1950 eröffnete Manfred Haushofer eine eigene Zahnarztpraxis in Steyr. Marlen führte weiterhin den gemeinsamen Haushalt, kümmerte sich um die Kinder und half zeitweise auch in der Praxis ihres geschiedenen Mannes mit. (7)
Das erste Buch
Im Herbst 1950 erhielt Marlen Haushofer überraschend eine Postkarte von Hans Weigel. Der Schriftsteller, Kritiker und Theaterautor gehörte zu den wichtigen Förderern junger österreichischer Literatur der Nachkriegszeit. Er hatte von Haushofer gehört und nahm Kontakt mit ihr auf. Daraus entwickelte sich eine Verbindung, die für ihre weitere literarische Laufbahn von grosser Bedeutung wurde.(8)
Weigel ermutigte Haushofer in ihrem Schreiben, setzte sich für ihre Texte ein und unterstützte sie bei ihren Bemühungen um Veröffentlichungen. Haushofer selbst begegnete der Aussicht auf eine Buchveröffentlichung mit einer Mischung aus Hoffnung und Unsicherheit. Sie zweifelte immer wieder daran, ob ihre Arbeit den literarischen Ansprüchen genügen würde.(8)
Schliesslich fand Haushofer mit dem Wiener Jungbrunnen Verlag einen Verlag für ihr erstes Buch. 1952 erschien dort Das fünfte Jahr. Die Erzählung schildert ein Jahr im Leben eines kleinen Mädchens und knüpfte damit an jene kindliche Perspektive an, die Haushofer bereits in früheren Erzählungen beschäftigt hatte. Mit der Buchveröffentlichung begann für sie eine neue Phase: Aus der Autorin einzelner Erzählungen und Zeitschriftenbeiträge war erstmals eine Buchautorin geworden.(8)
1953 erhielt Haushofer für Das fünfte Jahr den Kleinen Österreichischen Staatspreis für Literatur. Die Auszeichnung bedeutete eine wichtige öffentliche Anerkennung ihrer noch jungen literarischen Arbeit.(8) Die Auszeichnung bestärkte Haushofer in ihrem Schreiben, beseitigte jedoch weder ihre Zweifel an der eigenen Arbeit noch die Schwierigkeiten, sich als Schriftstellerin dauerhaft zu etablieren.
Im Spätherbst 1953 erkrankte Haushofer erneut an Tuberkulose. Die Krankheit zwang sie, einige Monate das Bett zu hüten.(8)
Zwischen Familie und Schreiben
Zu Beginn der 1950er-Jahre setzte sich Marlen Haushofer zunehmend mit der gesellschaftlichen Rolle der Frau auseinander. 1951 las sie Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht, das in diesem Jahr in deutscher Übersetzung erschienen war. Beauvoirs Analyse der traditionellen Frauenrolle berührte Fragen, die auch Haushofer beschäftigten: die Erwartungen an Ehefrau und Mutter, die Abhängigkeit vom Mann und die Schwierigkeit, neben Familie und Haushalt eine eigene schöpferische Existenz zu führen.(9)
Diese Fragen waren für Haushofer keine abstrakten gesellschaftlichen Probleme. Ihr eigenes Leben war vom Versuch geprägt, Familienalltag und literarische Arbeit miteinander zu vereinbaren. Das Schreiben eröffnete ihr einen eigenen Bereich, verlangte aber Zeit und Rückzugsmöglichkeiten, die im Alltag immer wieder neu erkämpft werden mussten. Daniela Strigl sieht in dieser Erfahrung einen wichtigen Hintergrund für Haushofers literarische Auseinandersetzung mit weiblichen Lebensentwürfen.(9)
Haushofer verstand sich dabei nicht als politische oder programmatische Feministin. Politischem Engagement und organisierten Frauenbewegungen stand sie eher distanziert gegenüber. In ihren Texten beschäftigte sie sich dennoch immer wieder mit den gesellschaftlichen Bedingungen weiblicher Existenz – mit Abhängigkeit, Mutterschaft, Ehe, Einsamkeit und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben.(9) Nach ihrem Tod geriet Haushofers Werk zunächst weitgehend in Vergessenheit. Mit der Neuauflage von Die Wand in den 1980er-Jahren setzte jedoch eine Wiederentdeckung ein. Insbesondere im Umfeld feministischer Literaturkritik und -wissenschaft wurden Haushofers Texte neu gelesen und ihre Auseinandersetzung mit weiblichen Lebensentwürfen, gesellschaftlichen Rollenerwartungen und Abhängigkeiten neu interpretiert. Diese spätere Rezeption sollte jedoch nicht mit Haushofers eigener politischen Haltung gleichgesetzt werden.(10)
Auch nach der Scheidung blieb der gemeinsame Alltag von Marlen und Manfred Haushofer eng miteinander verbunden. Anfang 1951 zog die Familie in eine Wohnung am Bergerweg 25 in Steyr. Im April 1952 folgte der Umzug in die Berggasse 81, wo sie unmittelbar über Manfred Haushofers Zahnarztpraxis wohnte. Marlen führte weiterhin den Haushalt und arbeitete zeitweise auch in der Praxis ihres geschiedenen Mannes mit. Schreiben musste seinen Platz neben diesen alltäglichen Verpflichtungen finden.(11)
Jahre der Depression
Der Erfolg von Das fünfte Jahr und die Auszeichnung mit dem Staatspreis konnten Haushofers Zweifel an der eigenen literarischen Arbeit nicht beseitigen. Immer wieder stellte sie ihr Schreiben infrage und reagierte empfindlich auf Kritik. Gleichzeitig blieb ihr Alltag von den Anforderungen der Familie und den schwierigen persönlichen Verhältnissen geprägt.
Anfang der 1950er-Jahre verstärkten sich Marlen Haushofers Depressionen. Sie zog sich zunehmend zurück, und selbst alltägliche Verrichtungen konnten für sie zu einer grossen Belastung werden. Haushofer beobachtete ihren eigenen Zustand dabei sehr genau und berichtete auch Hans Weigel von ihren psychischen Schwierigkeiten. Auf Weigels Rat suchte Haushofer schliesslich den Wiener Neurologen und Psychiater Viktor Frankl auf. Ob und in welcher Form Frankls Logotherapie bei ihrer Behandlung eine Rolle spielte, lässt sich nicht feststellen. Auch in den folgenden Jahren litt Haushofer immer wieder unter depressiven Phasen.(12)
Immer wieder dachte Haushofer daran, sich auch räumlich von Manfred zu trennen und ein eigenständigeres Leben zu führen. Der Schritt fiel ihr jedoch schwer. Die gemeinsame Familie, finanzielle Abhängigkeiten und ihre weiterhin starke emotionale Bindung an Manfred hielten sie in einer Lebenssituation fest, aus der sie sich zugleich zu befreien versuchte.(13)
Im Sommer 1953 unternahm Haushofer einen erneuten Versuch, sich zeitweise stärker aus ihrem bisherigen Familienalltag zu lösen, und hielt sich in Wien auf. In Wien bewegte sich Haushofer wieder stärker in ihrem literarischen Freundeskreis. Sie verbrachte viel Zeit mit Hermann Hakel, mit dem aus der früheren Liebesbeziehung inzwischen eine enge Freundschaft geworden war. Zugleich traf sie sich häufig mit Hans Weigel in dessen Stammcafé Raimund beim Volkstheater. Weigel betreute weiterhin ihre literarische Arbeit.(13)
1953 gab Haushofer ihren zwölfjährigen Sohn Christian für ein Jahr in das Internat Schloss Voglsang. Später erklärte sie gegenüber einem befreundeten Psychologen, sie habe diesen Schritt getan, weil sie damals selbst „krank“ gewesen sei. Die Entscheidung fiel in eine Zeit, in der Haushofer unter schweren Depressionen litt und zugleich nach einer Veränderung ihrer persönlichen Lebensverhältnisse suchte.(14)
Während ihrer Aufenthalte in Wien arbeitete Haushofer weiter an ihrer literarischen Laufbahn. In diesen Jahren entstand der Roman Eine Handvoll Leben, der später als ihr erster veröffentlichter Roman erscheinen sollte. Darin griff sie erneut Fragen auf, die eng mit ihrer eigenen Lebenssituation verbunden waren: die Enge einer bürgerlichen Existenz, den Wunsch nach einem anderen Leben und die Schwierigkeit, sich aus bestehenden Bindungen zu lösen.
Wie schwer Haushofer eine dauerhafte Veränderung ihrer Lebensverhältnisse fiel, zeigt ein Brief an ihre enge Freundin Friederike Kästenbauer. Im August 1954 schrieb sie, dass sie sich bereits seit sieben Jahren um Unabhängigkeit von Manfred bemühe, sich jedoch weiterhin durch die gemeinsame Lebenssituation gebunden fühle.(14)
„Ich müsste unabhängig von ihm werden und seit 7 Jahren bemüh ich mich darum.“
Marlen Haushofer an Friederike Kästenbauer, August 1954 (15)
Auf dem Weg zur Anerkennung
1954 versuchte Haushofer verstärkt, ihren Roman bei einem Verlag unterzubringen. Das Manuskript trug zunächst den Arbeitstitel Die Reise der Betty Russel und wurde von ihr an mehrere Verlage geschickt. Im April erhielt sie zudem eine Einladung ihres Schriftstellerkollegen Milo Dor: Gemeinsam mit ihm und Reinhard Federmann sollte sie an einer Tagung der Gruppe 47 in Italien teilnehmen und dort aus ihrem neuen Roman lesen. Zu dieser Reise kam es jedoch nicht. Haushofer knüpfte auch später keine engeren Verbindungen zur Gruppe 47.(16)
Zur gleichen Zeit geriet Haushofer in einen Konflikt innerhalb der Wiener Literaturszene. Hans Weigel hatte in der deutschen Kulturzeitschrift Der Monat die Situation des österreichischen Kulturlebens kritisch beurteilt. Hermann Hakel fühlte sich durch Weigels Darstellung übergangen und plante gemeinsam mit anderen Autoren eine Gegenaktion. Haushofer wollte sich daran nicht beteiligen. Daraufhin stellten Hermann Hakel und seine Frau Erika Danneberg sie vor die Wahl zwischen Hakel und Weigel. Haushofer entschied sich für keinen der beiden. Die Hakels brachen daraufhin den Kontakt zu ihr ab. Erst 1960, nach der Scheidung von Hermann Hakel und Erika Danneberg, nahm Danneberg wieder Verbindung zu Haushofer auf.(17)
In dieser Zeit kam Haushofer auch Reinhard Federmann näher, den sie bereits seit einigen Jahren kannte. Den engeren Kontakt vermittelte nach Daniela Strigl Hans Weigel. Vermutlich entwickelte sich daraus im Laufe des Jahres 1954, möglicherweise aber bereits 1953, eine Liebesbeziehung. Eindeutig belegen lässt sich dies jedoch nicht.(18)
Quellhinweise
- (1) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 154 ff.
- (2) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 156 f.
- (3) Katalog zur Ausstellung „Marlen Haushofer 1920–1970“, S. 22.
- (4) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 159–163.
- (5) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 164–167.
- (6) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 168–173.
- (7) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 172 f.
- (8) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 174–181.
- (9) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 192–197.
- (10) Anna Weinkamer: „Haushofer, Marlen“, in: NDB-online, veröffentlicht am 1. Oktober 2025.
Liliane Studer: „Die schreibende Hausfrau. Marlen Haushofer“, in: EMMA, März/April 2001, S. 88–90, hier S. 90. - (11) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 178 f.
- (12) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 182–186.
- (13) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 186 f.
- (14) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 218 ff.
- (15) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 187.
- (16) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 203.
- (17) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 204.
- (18) Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt“. Marlen Haushofer – Die Biografie, S. 205.